Die Malereien August Essenweins

Ende des 19. Jahrhunderts befand sich der Kaiserdom in einem so schlechten Zustand, dass eine Renovierung unumgänglich war. Bei der Beseitigung der dicken gelblichen Kalkfarbe, die alle Wandflächen des Innenraums überzog, stieß man überraschend auf Reste mittelalterlicher Malereien. Auf Anregung des Regenten Prinz Albrecht von Preußen wurde daraufhin der Entschluss für eine grundlegende Neugestaltung des Kirchenraums gefasst. Sie sollte der herausragenden geschichtlichen Bedeutung des Kaiserdoms als Grablege der kaiserlichen Familie angemessen sein.

 

 

August Ottmar von Essenwein (1831-1892)

 

"Verkündigung", Reste mittelalterlicher Malereien im Westbau

 

Der Auftrag ging an den Architekten, Bauhistoriker und Museumsdirektor August Essenwein (1831-1892), der sich durch zahlreiche bedeutende Restaurierungsprojekte einen Namen gemacht hatte. Auf der Grundlage der freigelegten Malereien im Chor und an wenigen anderen Stellen (Westbau) entwickelte er im Sinne einer 'schöpferischen' Denkmalpflege ein Gesamtkonzept für die Neuausmalung des Innenraums. Ziel Essenweins war eine "stylgemäße" Restaurieung. Die bewusst schabonenhaft angelegten Malereien sollen als "kirchliche Lehrmalerei" biblische Szenen und Geschichten vermitteln. Die Ausführung lag in den Händen des Hofmalers Adolf Quensen (1851-1911), der zuvor schon am Braunschweiger Dom mit Essenwein zusammengearbeitet hatte und das Werk nach dessen Tod zu Ende führte. Bis auf den tonnengewölbten Erdgeschossraum des Westbaus und zwei Pfeilerfronten im Mittelschiff wurden alle Oberflächen in die Neugestaltung einbezogen, die vorgefundenen Malereireste übermalt. Nach Abschluss der Restaurierung 1894 stand "das Gebäude … in dem Gewande wieder da, welches es zu Anfang des 13. Jahrhunderts im Großen und Ganzen gehabt haben kann." (Baurat Ernst Wiehe)

 

Das Schicksal der Malereien von August Essenwein und Adolf Quensen schien in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts besiegelt. Historistische Kunst wurde gering geschätzt, oftmals als minderwertig abgestempelt. So wurden die Malereien zu großen Teilen übertüncht, teilweise sogar beseitigt. Mangelnde Pflege, Verunreinigungen, Salzkristallisation und Beschädigungen, verursacht durch Zementinjektionen in die Außenwände, wurden nicht behoben. Man rechnete mit einer modernen, zeitgemäßen Gestaltung des Innenraums. Erst spät – mit größerem zeitlichem Abstand zum 19. Jahrhundert – wurde man sich bewusst, dass die Raumfassung des Kaiserdoms einen großen Eigenwert besitzt und dass sie zusammen mit der gleichzeitig entstandenen Ausstattung ein herausragendes historistisches Gesamtkunstwerk darstellt, das es zu bewahren gilt.

 

 

Restaurierung (Januar 2007)

Restaurierung (Januar 2007)

 

 

DIE RESTAURIERUNG DER RESTAURIERUNG 2001-2010

 

Letztlich entschloss man sich zu einer umfassenden Restaurierung. Als eine große Herausforderung stellten sich dabei die unterschiedlichen Erhaltungszustände der Malereien heraus. Nahezu perfekt erhaltene Bereiche mussten mit anderen zusammengeführt werden, die nur noch fragmentarische Reste aufwiesen. Während sich die Restaurierungsmaßnahmen in den östlichen Bauteilen im Wesentlichen auf die Sicherung, Salzreduzierung, Reinigung und Ergänzung konzentrierten, mussten im Langhaus auch großflächige Rekonstruktionen vorgenommen werden. Ziel war es, ein stimmiges Gesamtbild zu erzeugen, den Charakter der gealterten Raumschale zu bewahren und einen 'überrestaurierten' Eindruck zu vermeiden. Um die Malereien vor Beschädigungen und Verlusten durch weitere Salzausblühungen zu schützen, entschloss man sich, das Innenraumklima permanent zu regulieren. Die relative Luftfeuchtigkeit wird in einem definierten Schwankungsbereich gehalten, um die Salze im Gestein 'ruhig' zu stellen und zu verhindern, dass sie an die Gesteinsoberflächen wandern.

 

Zum Essenwein'schen Gesamtkunstwerk gehört auch die Ausstattung, die zu großen Teilen erhalten ist: die Orgel, die Kanzel, die Altäre, Bänke, Leuchten, Fensterverglasungen und Liedzeiger. Ein wesentliches Element für die Gesamtwirkung der Innenraumgestaltung ist der Schmuckfußboden in den Chören und im Querhaus. Die Rekonstruktion des erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zerstörten Originals beruht weitgehend auf historischen Fotografien.

 

 

Innenraum nach Osten - vor der Restaurierung

Innenraum nach Osten - nach der Restaurierung

 

Die 2001 begonnene Restaurierung wurde 2010, zum 875-jährigen Gründungsjubiläum des Kaiserdoms, abgeschlossen, die Kirche feierlich wiedereröffnet und neu eingeweiht. Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz als Eigentümerin des Bauwerks hat das Restaurierungsprojekt mit großem finanziellem Engagement ermöglicht. Neben dem Erhalt der wertvollen Substanz stand der Wunsch im Vordergrund, den Kaiserdom als ein herausragendes Bau- und Kunstdenkmal sowie als ein Ort inspirierender Kultur erlebbar zu machen.

 

Im Innenraum aufgestellte Schautafeln informieren über die Malereien August Essenweins sowie über deren Restaurierung. 

 

 

 

DIE RESTAURIERTEN MALREIEN IM KAISERDOM

 

Die Hochwände des Mittelschiffs zeigen Verbildlichungen der vier Elemente und der vier Tageszeiten – und spielen damit auf das biblische Thema der Schöpfung an. Geflügelte Figuren werden jeweils von Bäumen und symbolischen Tierdarstellungen begleitet.

 

Im Einzelnen sind auf der Südseite von Ost nach West dargestellt:

TERRA (Erde): das geflügelte Wesen hält ein Garbenbündel im Arm

AQUA (Wasser): auf dem Dreizack sind Fische aufgespießt

AER (Luft): tanzende Vögel auf den Handrücken der geflügelten Figur

IGNIS (Feuer): das geflügelte Wesen hält brennende Fackeln

 

An der nördlichen Hochwand des Mittelschiffs sind die Tageszeiten dargestellt. Von Ost nach West im Einzelnen:  
DILUCULUM (Morgendämmerung): das geflügelte Wesen zieht die goldene Sonnenscheibe aus dem grauen Gewand hervor 

MERIDIES (Mittag): die Figur hält die volle Sonnenscheibe hoch über dem Kopf 
CREPUSCULUM (Abenddämmerung): die Sonnenscheibe wird zurück unter das Gewand geschoben

NOX (Nacht): die Engelsfigur zieht sich einen dunklen Umhang vor die Augen


 

 

Während August Essenwein an den Wandflächen des Hauptschiffs die mittelalterliche Bilderwelt zu imitieren suchte, hat er das barocke Gewölbe mit einer ornamentalen Bemalung im Stil des 17. Jahrhunderts versehen, um nicht eine frühere Erbauungszeit vorzutäuschen.

 

 

 

In den Querarmen sind Engelschöre dargestellt, sechs Chöre zu je sieben Engeln. An den Giebelseiten sind sie mit Musikinstrumenten ausgestattet, sonst sind ihnen Spruchbänder beigegeben, die im Norden Texte des Neuen, im Süden Texte des Alten Testaments wiedergeben.
 

 
 

Im Chorraum erreicht der Zyklus seinen Höhepunkt hinsichtlich Farbenpracht und thematischer Bedeutung des Dargestellten. An den Wänden werden Allegorien von 14 Tugenden gezeigt, angeführt von CARITAS, FIDES und SPES. Sie sind durch Inschriften sowie durch Symbole auf den Fahnen bezeichnet. Unter ihren Füßen winden sich die jeweils gegensätzlichen Laster.

 

 


Das "Himmlische Jerusalem" (nach der Offenbarung des Johannes) am Gewölbe des Hauptchores zeigt einen Mauerkranz mit zwölf von Propheten besetzten Toren.

 


 

Die 'Majestas Domini' in der Apsiskuppel zeigt Christus in der regenbogenfarbenen Mandorla, begleitet von den vier Evangelistensymbolen und den Patronen der Kirche: Petrus und Paulus. Unter den Farbschichten des 19. Jahrhunderts liegen Reste der mittelalterlichen Malereien.

 

 

 

Ausführliche Erläuterungen zu den Malereien finden Sie im "Begleiter durch den Kaiserdom", der auf dieser Website als 'pdf zum Blättern' zur Verfügung steht.
 

Weitere Literaturhinweise:

 

NEUERSCHEINUNG:

Peter Springer: Zwischen Mittelalter und Moderne. August Essenwein als Architekt, Bauhistoriker, Denkmalpfleger und Museumsmann. Schriftenreihe der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, hg. v. Tobias Henkel. Braunschweig 2014.

 

Günter Jung: Die Restaurierung der Stiftskirche zu Königslutter. Nachbetrachtungen. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen Heft 1/2011. (Aufsatz zum Download)

 

Bernhard Recker: Die Restaurierung der Stiftskirche zu Königslutter. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, Heft 1/2011. (Aufsatz zum Download)

(Quelle für beide oben genannten Aufsätze: Website Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege)

 

Peter Springer: Die Malereien im Kaiserdom. In: Tobias Henkel (Hg.):  Dem Mittelalter in die Augen geschaut. Der Kaiserdom zu Königslutter – Geschichte, Architektur, Bauskulptur, Malereien. Schriftenreihe der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Braunschweig 2010, S. 82-121.

 

Hannes Böhringer u. Arne Zerbst (Hg.): Die tätowierte Wand. Über Historismus in Königslutter. München 2009.

 

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