Malereien

Ende des 19. Jahrhunderts befand sich der Kaiserdom in einem so schlechten Zustand, dass eine Renovierung unumgänglich war. Bei der Beseitigung der dicken gelblichen Kalkfarbe, die alle Wandflächen des Innenraums überzog, stieß man überraschend auf Reste mittelalterlicher Malereien. Auf Anregung des Regenten Prinz Albrecht von Preußen wurde daraufhin der Entschluss für eine vollständige Neugestaltung des Kirchenraums gefasst. Der Auftrag ging an den Architekten, Bauhistoriker und Museumsdirektor August Essenwein (1831-1892), der sich durch zahlreiche bedeutende Restaurierungsprojekte in Deutschland einen Namen gemacht hatte. Auf der Grundlage der freigelegten Malereien im Chor und an wenigen anderen Stellen entwickelte er im Sinne einer 'schöpferischen' Denkmalpflege ein Gesamtkonzept für die Neuausmalung des Innenraums. Ziel Essenweins war eine "stilgemäße" Restaurieung. Die bewusst schabonenhaft angelegten Malereien sollen als "kirchliche Lehrmalerei" biblische Szenen und Geschichten vermitteln. Die Ausführung lag in den Händen des Hofmalers Adolf Quensen (1851-1911), der zuvor schon am Braunschweiger Dom mit Essenwein zusammengearbeitet hatte und das Werk nach dessen Tod zu Ende führte.


 

Die Hochwände des Mittelschiffs zeigen Verbildlichungen der vier Elemente und der vier Tageszeiten – und spielen damit auf das biblische Thema der Schöpfung an. Geflügelte Figuren werden jeweils von Bäumen und symbolischen Tierdarstellungen begleitet.

 

Im Einzelnen sind auf der Südseite von Ost nach West dargestellt:

TERRA (Erde): das geflügelte Wesen hält ein Garbenbündel im Arm

AQUA (Wasser): auf dem Dreizack sind Fische aufgespießt

AER (Luft): tanzende Vögel auf den Handrücken der geflügelten Figur

IGNIS (Feuer): das geflügelte Wesen hält brennende Fackeln

 

An der nördlichen Hochwand des Mittelschiffs sind die Tageszeiten dargestellt. Von Ost nach West im Einzelnen:  
DILUCULUM (Morgendämmerung): das geflügelte Wesen zieht die goldene Sonnenscheibe aus dem grauen Gewand hervor 

MERIDIES (Mittag): die Figur hält die volle Sonnenscheibe hoch über dem Kopf 
CREPUSCULUM (Abenddämmerung): die Sonnenscheibe wird zurück unter das Gewand geschoben

NOX (Nacht): die Engelsfigur zieht sich einen dunklen Umhang vor die Augen


 

 

Während August Essenwein an den Wandflächen des Hauptschiffs die mittelalterliche Bilderwelt zu imitieren suchte, hat er das barocke Gewölbe mit einer ornamentalen Bemalung im Stil des 17. Jahrhunderts versehen, um nicht eine frühere Erbauungszeit vorzutäuschen.

 

 

 

In den Querarmen sind Engelschöre dargestellt, sechs Chöre zu je sieben Engeln. An den Giebelseiten sind sie mit Musikinstrumenten ausgestattet, sonst sind ihnen Spruchbänder beigegeben, die im Norden Texte des Neuen, im Süden Texte des Alten Testaments wiedergeben.
 

 
 

Im Chorraum erreicht der Zyklus seinen Höhepunkt hinsichtlich Farbenpracht und thematischer Bedeutung des Dargestellten. An den Wänden werden Allegorien von 14 Tugenden gezeigt, angeführt von CARITAS, FIDES und SPES. Sie sind durch Inschriften sowie durch Symbole auf den Fahnen bezeichnet. Unter ihren Füßen winden sich die jeweils gegensätzlichen Laster.

 

 


Das "Himmlische Jerusalem" (nach der Offenbarung des Johannes) am Gewölbe des Hauptchores zeigt einen Mauerkranz mit zwölf von Propheten besetzten Toren.

 


 

Die 'Majestas Domini' in der Apsiskuppel zeigt Christus in der regenbogenfarbenen Mandorla, begleitet von den vier Evangelistensymbolen und den Patronen der Kirche: Petrus und Paulus. Unter den Farbschichten des 19. Jahrhunderts liegen Reste der mittelalterlichen Malereien.

 

 

 

Ausführliche Erläuterungen zu den Malereien finden Sie im "Begleiter durch den Kaiserdom", der auf dieser Website als 'pdf zum Blättern' zur Verfügung steht.
 

Weitere Literaturhinweise:

 

NEUERSCHEINUNG:

Peter Springer: Zwischen Mittelalter und Moderne. August Essenwein als Architekt, Bauhistoriker, Denkmalpfleger und Museumsmann. Schriftenreihe der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, hg. v. Tobias Henkel. Braunschweig 2014.

 

Günter Jung: Die Restaurierung der Stiftskirche zu Königslutter. Nachbetrachtungen. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen Heft 1/2011. (Aufsatz zum Download)

 

Bernhard Recker: Die Restaurierung der Stiftskirche zu Königslutter. In: Berichte zur Denkmalpflege in Niedersachsen, Heft 1/2011. (Aufsatz zum Download)

(Quelle für beide oben genannten Aufsätze: Website Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege)

 

Peter Springer: Die Malereien im Kaiserdom. In: Tobias Henkel (Hg.):  Dem Mittelalter in die Augen geschaut. Der Kaiserdom zu Königslutter – Geschichte, Architektur, Bauskulptur, Malereien. Schriftenreihe der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz. Braunschweig 2010, S. 82-121.

 

Hannes Böhringer u. Arne Zerbst (Hg.): Die tätowierte Wand. Über Historismus in Königslutter. München 2009.

 

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