MODERNE KUNST im Kaiserdom

 

SOL

Bernd Schulz, 2010

 

 

Die Sonne und das Licht stehen seit jeher in allen Kulturen im Zentrum religiöser Ikonographie. Die Arbeit des Wolfsburger Künstlers Bernd Schulz schließt sich dieser Tradition an. Mithilfe einer Langzeitbelichtung wurden die von einer bewegten Lichtquelle auf den Archivolten des Marienportals erzeugten Muster festgehalten. Das so entstandene Foto ist zu einer sonnenähnlichen Scheibe gespiegelt, die die eintretenden Besucher im Windfang empfängt und auf sie herabstrahlt.

Website Bernd Schulz

 

 

 

 

ELMSTEINFOCUS

Hans Peter Kuhn, 2015

 

  

Die Installation Elmsteinfocus spielt mit der Oberfläche des rauen Steines. Seine komplexe Struktur wird im wahrsten Sinne des Wortes ausgeleuchtet. Eine rechteckige Elmsteinplatte wurde senkrecht aufgestellt. Auf sie wird ein Film projiziert, der vorher von derselben Platte gemacht wurde. Für diesen Film wurde die Kamera am unteren Ende der Platte mit einigem Abstand aufgestellt und der Focus des Teleobjektivs ständig und langsam geändert. Dadurch ist immer ein anderer Teil der Platte scharf gestellt und die Struktur dieses Teils deutlich zu erkennen. In der Projektion wird die Dreidimensionalität der Oberfläche hervorgehoben. Der verschobene Focus wandert über die Platte auf- oder abwärts. So wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den Elmstein fokussiert. Das Material selbst wird zum Inhalt der Kunst und durch die Kunst erhöht. Obwohl die Installation, computertechnisch hergestellt, mit Videobild und Licht arbeitet, strahlt sie Natürlichkeit aus, da der Stein unverändert bleibt und der Einfluss des Bildes minimalistisch ist. Es entsteht nicht der Eindruck einer Projektion, sondern eines sich kontinuierlich verändernden Objekts. Als lebte der Stein, verändert sich seine Oberfläche und wirkt an den unscharfen Stellen flach und eben und an den scharfen Stellen dreidimensional und stark strukturiert. Die Langsamkeit der Schärfenänderung, gibt dem Stein zusätzlich etwas Geheimnisvolles, weil es sich nicht wie ein Effekt darstellt, sondern wie eine natürliche Veränderung des Materials.

Website Hans Peter Kuhn

 

 

 

Die Installation "Elmsteinfocus" entstand im Rahmen des mehrstufigen Kunstprojekts "INTERVENTIONEN – Begegnung von Bauwerk und Kunstwerk zu Dialogen der Ungleichzeitigkeit". Die Etablierung des Kaiserdoms zum Ort kultureller Angebote sollte begleitet werden von Beiträgen aktueller bildender Kunst. Nach der Auftaktveranstaltung im Jahr 2010 – einem kunstwissenschaftlichen Symposion mit Vorträgen zum Interventionsthema – folgte eine zweite Phase beispielhafter Konkretisierungen: 5 Künstler, namhaft durch ihre Werke für öffentliche Räume, wurden eingeladen zu Ideenskizzen und Entwürfen, die sich thematisch auf das Bauwerk und dessen materielle Herkunft aus den Elmkalkbrüchen beziehen sollten. In der eklatanten Unterschiedlichkeit der Ergebnisse zeigen sich die Wesensmerkmale der interventionistischen Kunstpraxis: Örtliche Referenzen oder thematische Vorgaben müssen einer künstlerischen Freiheit keine Schranken setzen. Die in Skizzen, Beschreibungen und Modellen vorgetragenen Konzepte waren Grundlage für die dritte Phase: zumindest eines der Werke sollte realisiert werden. Die Wahl fiel auf die Arbeit von Hans Peter Kuhn, die seit dem Frühjahr 2015 zu den regulären Öffnungszeiten des Kaiserdoms im westlichen Kreuzgangflügel zu besichtigen ist. Im Folgenden werden die vier anderen Entwürfe vorgestellt.

 

 

 

Yoshimi Hashimoto
Großes Tastobjekt

Die Skulptur ist gedacht als überdimensionales Tastobjekt – in doppeltem Sinn: zum einen soll sie zum Berühren und (gefahrlosen) Besteigen auffordern. Der Elmkalk-Hügel wird deswegen eine geglättete und körperfreundliche Oberfläche erhalten. Zum anderen ist in ihm die Form einer Daumenspitze ablesbar abgebildet, also einer menschlichen Extremität von höchster Tastempfindlichkeit. Dass der nach oben gerichtete Daumen in vielen Kulturen und seit der Antike als ermunterndes und glücksversprechenden Handzeichen verstanden wird, erweitert die Deutungsmöglichkeiten für meinen Entwurf, der keine distanzgebietende Skulptur sein soll, sondern sich aus dem Boden aufwölbt wie ein Felsbuckel. Seine steinerne Unzerstörbarkeit lädt zum Bespielen ein, erinnert darüber hinaus an die Dauerhaftigkeit eines Naturmaterials im Vergleich mit der kunststoffgeprägten Gegenwartskultur. Damit wird er zum ästhetischen Objekt und zugleich Teil einer Landschaftsgestaltung. Als Standort kommen für mich mehrere Möglichkeiten in Frage: in unmittelbarer Nähe des Kaiserdoms platziert, wird die Plastik an die gemeinsame Herkunft aus den Elmkalkbrüchen erinnern, aber landschaftsgestalterische Aspekte könnten auch für eine Situation in den Park- oder Waldzonen zwischen Kaiserdomund Steinbruch sprechen. Erst die Wahl des Standorts wird auch über die endgültige Konstruktion, Dimension und Oberflächenbearbeitung entscheiden.

 

 

 

Jakob Mattner
Materialtransport: Steinbrüche – Kaiserdom

Mein Vorschlag ist, die Steinbrüche, aus denen das Material für die Errichtung des Kaiserdoms im 12. Jahrhundert genommen wurde, als Korrespondenz-Ort zum Kirchenbau zu installieren. Durch den ursprünglichen Transport des Materials fand eine
Metamorphose statt: in dem Moment, in dem der Stein den Bruch verließ, veränderte das Material seine Bedeutung. Es wurde durch Glaube und Geist zu einem neuen Ort verdichtet.


Konzept:
Der Steinbruch soll seine Anonymität verlieren und als "Geburtsort" des Kaiserdoms zu erleben sein. Ich stelle mir vor, eine geeignete Wand im Steinbruch zu wählen und sie so freizuräumen, dass die heute in der Erde verborgenen, materialführenden Schichten wieder sichtbar werden. In diese freigelegte Wand möchte ich bauliche Details des Kaiserdoms als "Negativ" in die Wand schlagen lassen. Dies könnte in Zusammenarbeit mit dem Ausbildungszentrum für Steinmetze geschehen. Bauteile des Kaiserdoms als Negativform im Steinbruch sind als "Abdruck aus vergangenen Zeiten" ein Zeugnis für die gewaltige Leistung der Menschen, aus Material einen geistigen Ort zu schaffen. Das Thema meiner Intervention korrespondiert mit historisch bedeutsamen Orten wie "Lalibela" in Äthiopien (11 Kirchen, die ebenfalls im 12. Jahrhundert in rote Basaltlava eingemeißelt wurden), mit "Petra" im heutigen Jordanien (169 v.Chr.) oder mit den "Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan" (im 6. Jahrhundert in Felsklippen aus rotem Sandstein eingearbeitet).

Website Jakob Mattner

 

 

 

Christiane Möbus
Mondlicht-Landeplatz

Jeder kennt den wundervollen hellen Schein des Mondes auf ruhigen Wasserflächen oder auf einer Zimmerwand, wenn er durchs Fenster leuchtet. Es sind immer helle Flächen und Flecken, die in der Nacht durch das Mondlicht hervortreten und im Kontrast zur fast schwarzen Umgebung oder den Schatten in einem Raum besonders
intensiv leuchten. Ähnliche Stimmungen hat Caspar David Friedrich, einer der
bedeutendsten Maler der deutschen Romantik, in seinen Gemälden darzustellen vermocht.
Mein Entwurf sieht eine ebene ovale Fläche (ca. 300 x 360 cm) aus Elmkalkstein vor. Sie ist aus vier gleich großen Segmenten zusammengesetzt, wobei die Oberfläche mit der Rasenfläche bündig abschließt. Das Oval des "Mondlicht-Landeplatzes" erscheint in seiner klaren Form wie ein abstrakter Spiegel des Universums. In seiner Symmetrie ist er zunächst auf kontemplative Ruhe angelegt, wird aber gleichzeitig durch seine Ellipsenform optisch in eine Bewegung versetzt, die mit den ewigen Bahnen von Gestirnen und Planeten am Himmelsgewölbe eine symbolische Verbindung eingeht.
In dieser Konzentration der ebenen Fläche wird das Oval das Licht des Mondes auf die Mauern des Domes mit seinen klaren Konturen reflektieren. Ein entsprechender Standort zur Realisierung des steinernen Spiegels müsste im Sinne des Mondlicht-Verlaufs festgelegt werden. Ich könnte mir sowohl das angrenzende Parkgelände,
als auch den Garten des Kreuzgangs vorstellen.

Christiane Möbus auf Wikipedia

 

 

 

Markus Wirthmann
Tauschgeschäft – Zwei Skulpturen für zwei Orte

 

Im Rahmen des Tauschgeschäfts entstehen zwei Skulpturen, die, zumindest gedanklich, eine Symmetrie aufweisen, wobei die Symmetrieachse in meiner Person besteht. Eine der Skulpturen wird in Königslutter errichtet, die zweite in meiner Heimatstadt Aschaffenburg am Main. Beide Städte verfügen über dominierende Bauwerke, die wiederum aus einem für die jeweilige Region typischen Material bestehen. Im Rahmen des Symposiums sollen nun zwei Quader vor dem
Kaiserdom und dem Schloss in Aschaffenburg aufgeschichtet werden. In Königslutter wird die Skulptur aus rotem Mainsandstein, in Aschaffenburg aus Elmkalk bestehen. Am Herkunftsort werden die Quader zugerichtet und anschließend zwischen den Städten getauscht. Die beiden Quader wirken als Verstärker des jeweils dominierenden und kontrastierenden Materials. Sie lenken die Aufmerksamkeit
auf den Unterschied. Der rote Sandstein ist der Kontrast zum Elmkalk und vervielfacht seine Wirkung, rückt ihn in den Blick, dramatisiert ihn – und natürlich umgekehrt.
Die horizontale Kantenlänge beider Quader wird mit 173 Zentimetern ein Hunderttausendstel des Abstands zwischen Königslutter und Aschaffenburg betragen. Die Höhe entspricht mit 183 Zentimetern meiner Körpergröße. Das Material wird in handlichen Platten aufeinander geschichtet. Dies erleichtert das Tauschgeschäft und wird die Erosion der Skulpturen ermöglichen. Hierbei ist nicht die reale Erosion
des Gesteins gemeint sondern eine kulturelle Erosion; die Steinplatten können vom Publikum bequem mitgenommen werden. Das Tauschgeschäft zielt nicht auf die Errichtung eines Monuments, sondern auf die Geste, auf eine Handlung oder Aktion,
die sich im Gedächtnis des Publikums festsetzt. Am Ende, vielleicht nach ein paar Wochen oder mehreren Jahren werden die Skulpturen abgetragen sein – eventuell bleibt noch ein Rest und markiert den einstigen Ort als Ruine. Die einzelnen Platten
werden aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch als Souvenir ein längeres Leben haben.

Website Markus Wirthmann

 

 

 

Veranstalter:

Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, Dr. Norbert Funke